Mord?

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Es gibt meist verschiedene Bezeichungen einer Sache. Aber nur sehr selten sind sie beliebig austauschbar.

Ⅰ Falscher Begriff
Ein Besitzer ist kein Eigentümer. Ein Eigentümer muss nicht immer der Besitzer sein. Wer den Kfz-Schein vorweisen kann, gilt grundsätzlich als der rechtmäßige Besitzer und darf das Auto fahren. Aber Eigentümer ist man erst mit dem Kfz-Brief.

Ⅱ Wertender Begriff
Wer einen Menschen tötet muss nicht ein Mörder sein. Wenn man sich an den Begriffen des Strafgesetzbuches hält, gibt es z.B. Mord, Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge, fahrlässige Tötung, Notwehr.

Aber es gibt noch mehr Möglichkeiten. In einigen Ländern kann man auch ein legaler Henker sein. Im Krieg kann man als Soldat meist legal einen feindlichen Kämpfer töten. Natürlich kann man auch auf weitere Arten töten.

Nahezu allen Begriffen haftet eine negative Wertung an. Hier muss man unterscheiden zwischen generell negativen Begriffen wie »Mörder« und nur von einem Teil der Menschen als negativ gesehenen Begriffen wie  »Henker«, während »Notwehr« durchweg zumindest als neutral eingestuft wird.

Ⅲ Regionaler Kontext
Während Ehrgeiz in einigen Regionen der Erde einen positiven Klang hat, sind die Menschen bei ihrer Wertung in anderen Regionen eher zwiespältig und in noch anderen Regionen bedeutet der Begriff etwas grundsätzlich Negatives.

Ⅳ Ungenauer Sprachraum
Ein  »Shooting/shooting« ist in englischsprachigen Ländern nicht identisch mit der Bedeutung in Deutschland. Auch unter dem Begriff  »Handy/handy« ist nicht das Gleiche gemeint.

Auch in einer Sprache kann ein Begriff unterschiedliche Bedeutungen haben. Wenn ein Kraftfahrer mit halber Kraft fährt, bewegt er sich doch. Ein mit halber Kraft gefahrenes Kraftwerk bleibt jedoch stehen. Sollte ein Glas als »voll leer« bezeichnet werden, stammt die Expertise wohl von einem nicht unbedingt bildungsfernen, jedoch wahrscheinlich recht altersrentenfernen Menschen.

Ⅴ Oberbegriff
Es kann für »Stuhl« auch »Sitzmöbel« eingesetzt werden. Aber der zweite Begriff ist weitreichender. Jeder Stuhl ist ein Sitzmöbel, aber nicht alle Sitzmöbel sind Stühle.

Ⅵ Alltagssprache
Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Aber was ist ein  »Auto«? Meist wird darunter ein Automobil der Klasse Personenkraftwagen verstanden. Ursprünglich bezeichnet der Begriff ein »Automobil«, welches dann synonym zum  »Kraftfahrzeug« auch ein LKW sein kann.

Ⅶ Bausch und Bogen
Wer A sagt, ist oft versucht, auch B zu sagen. Wenn Post, dann auch Räuber. Wenn Mord, dann brutal oder wenigstens feige. Außerdem wird sich ein hart arbeitender Mensch auch mal gute Butter leisten dürfen. Falls man das heute noch sagen darf.

Ⅷ Fachsprache
Krankenfahrstühle dürfen nach einer EU-Richtlinie keine Fahrtreppen benutzen, sondern müssen auf Fahrstühle ausweichen, in die sie zur Vermeidung einer Treppe zu rollen haben. Wer nun an eine lockere Schraube denkt, sollte einfach zum Schraubendreher greifen. Die nötige Illumination (kein Artikel von Bedeutung ohne Verschwörungstheorie) liefert die Leuchte, der eine Lampe innewohnt, da bekanntlich die Lampe der Teil ist, der leuchtet, während die Leuchte die darum gebaute Lampe darstellt.

Die Benutzung von Fachbegriffen kann präziser sein, oft drückt sie jedoch lediglich (vorgebliches) Fachwissen aus und kann auch instrumentalisiert werden. Die Bezeichnung »Kernkraft« ist nicht wertungsfrei, wurde »Atomkraft« doch seinerzeit von interessierten Kreisen publikumswirksam ausgetauscht, was die Presse jedoch Jahrzehnte lang nicht störte; sie bediente vielmehr prompt und zuverlässig.

Ⅸ Vorsatz
Wenn »Atom« durch »Kern« ersetzt wird, weiß man woher der Wind weht und muss sich entscheiden, ob man sein Fähnlein in den selben dreht oder nicht. Das Grundgesetz spricht von »Kriegsdienst«, die Politik jedoch meist von »Wehrdienst«. Hübsch auch »Freistellung« statt »Entlassung«, »Elektroteaser« (somit Reizer) statt »Elektroschocker«, »Ruhigstellung« und »Fixierung« statt »Fesselung«, »Preisanpassung« statt »Preiserhöhung« und unzählige weitere »Verschönerungen«.

Der siebzehnjährige Leimener
Ein Journalist lernt viel und vergisst noch mehr. Eines jedoch hält er bis zum Sterbebett im Resthirn parat: Jegliche Doppelungen sind bei Halsstrafe verboten!

Ein Auto rast in ein am Wegesrand abgestelltes Auto und schrammt dabei noch ein entgegenkommendes Auto.

Da schaudern Autor, Korrekturleser, Redakteur (früher auch noch Setzer) und Leser gemeinsam — sie leiden nachgerade. Besser wäre doch:

Ein Auto rast in einen am Wegesrand abgestellten Wagen und schrammt dabei noch ein entgegenkommendes Fahrzeug.

Hört sich gut an, ist aber ungenau, denn sowohl »Wagen« als auch  »Fahrzeug« sind Oberbegriffe. Man könnte bei der Meldung auch daran denken, dass ein PKW in einen Pferdewagen rast und danach ein Fahrrad schrammt. 

Also versuchen wir es noch einmal:

Ein Auto rast in einen am Wegesrand abgestellten PKW und schrammt dabei noch ein entgegenkommendes Auto.

Doppelung noch vorhanden, aber durch ein Synonym durchbrochen. Da steht man doch kurz vor dem Pulitzer-Preis und selbst der Redakteur nickt ab, während der geneigte Leser zur Festigung seines Weltbildes gerne noch die Automarken gewusst hätte.

Es ist im Grunde einfach, jedoch in der Praxis oft schwer schwierig. Vielleicht sollte man keine Angst vor Genauigkeit haben. Vielleicht sollte man nach dem Blick in das Lexikon der Symonyme noch kurz die Bedeutung sowohl des zu ersetzenden, als auch des ersetzenden Begriffs prüfen, so entsetzlich diese Forderung auch klingt.

Ich weiß, der Alltag ist kein Ponyhof, aber eine Pferdemetzgerei muss es ja auch nicht sein.

Zacharias Zorngiebel

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Bild: Burgundischer Schreiber (Portät von Jean Miélot, Sekretär, Kopierer und Übersetzer von Herzog Philipp (III.) dem Guten von Burgund, von einer Kopie seiner Zusammenstellung der Miracles de Notre Dame. Quelle Wikicommons. Public Domain.

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